Warum reden Anwälte in einer Kanzlei eigentlich nicht miteinander?

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In manchen Kanzleien lässt sich ein erstaunliches Phänomen beobachten:
Die Partner arbeiten Tür an Tür – und sprechen außerhalb der konkreten Mandatsbearbeitung kaum oder gar nicht miteinander. In Einzelfällen über Jahre hinweg.

Was auf den ersten Blick wie eine Frage der Persönlichkeit wirkt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als kulturelles und unternehmerisches Problem mit spürbaren Folgen für die gesamte Kanzlei.

Rücksichtnahme oder Kontaktvermeidung?

Oft wird dieses Schweigen mit „Rücksichtnahme“ erklärt:
Man wolle sich nicht einmischen, nicht stören, Konflikte vermeiden. In der Praxis steckt dahinter jedoch häufig etwas anderes – nämlich die Unfähigkeit oder Unsicherheit, auf der Beziehungsebene miteinander in Kontakt zu treten.

Juristinnen und Juristen lernen früh, vom Lebenssachverhalt zu abstrahieren. Diese Fähigkeit ist fachlich essenziell. Problematisch wird es dann, wenn diese Abstraktion auch auf das eigene Arbeitsumfeld und die Zusammenarbeit übertragen wird. Kommunikation wird auf das Mandat reduziert – alles andere ausgeblendet.

Typische Folgen einer fehlenden Gesprächskultur

In Kanzleien, in denen der fachliche Austausch und der persönliche Kontakt zwischen den Partnern fehlen, zeigen sich häufig ähnliche Muster:

  • Lagerbildung innerhalb der Kanzlei
    Im Extremfall entstehen zwei oder mehr „Kreise“. Mitarbeitende fühlen sich gezwungen, sich einem Lager zuzuordnen – mit fatalen Folgen für Motivation, Loyalität und Zusammenarbeit.
  • Unterdurchschnittliche Wirtschaftlichkeit
    Synergien bleiben ungenutzt, Wissen wird nicht geteilt, Potenziale versanden.
  • Keine echte Mandantenteilung
    Mandanten arbeiten immer mit denselben Anwälten. Diese vertreten nach außen den Anspruch, alle Rechtsfragen selbst abdecken zu können – unabhängig von Spezialisierung oder Kapazität.
  • Verfestigte Konflikte
    Kleine Missverständnisse werden nicht geklärt, sondern wachsen über Jahre zu handfesten Konflikten heran, um die der Rest der Kanzlei herum manövrieren muss.

Wie es in funktionierenden Kanzleien aussieht

Interessanterweise ist das Bild in wirtschaftlich erfolgreichen Kanzleien genau umgekehrt.

Dort sprechen die Anwälte regelmäßig miteinander – informell beim gemeinsamen Mittagessen oder bewusst in fest vereinbarten Austauschformaten. Mandate werden gemeinsam gedacht, nicht verteidigt. Spezialisierungen werden genutzt, nicht versteckt.

Das Ergebnis:

  • Missverständnisse werden frühzeitig geklärt
  • Mandanten profitieren von echter Teamarbeit
  • Die Kanzlei tritt nach außen geschlossen und kompetent auf
  • Die Wirtschaftlichkeit ist meist überdurchschnittlich

Mandanten wissen es zu schätzen, wenn sie nicht „ihren“ Anwalt bekommen, sondern die jeweils beste Expertise aus dem Haus.

Kanzleikultur ist kein „weiches Thema“

Viele Anwälte fokussieren sich konsequent auf ihre Mandate – und übersehen dabei, dass der Umgang miteinander ein zentraler Faktor für unternehmerischen Erfolg ist. Kanzleikultur ist kein weiches Wohlfühlthema, sondern ein handfester wirtschaftlicher Hebel.

Gerade die Partner – und in größeren Einheiten die mit Managementaufgaben betrauten Personen – tragen hier eine besondere Verantwortung. Ihre Vorbildrolle ist entscheidend. Wie sie kommunizieren, Konflikte ansprechen oder vermeiden, prägt die gesamte Organisation.

Kleine Veränderung, große Wirkung

Die Erfahrung zeigt:
Gelingt es, die Partner wieder miteinander ins Gespräch zu bringen, verändert sich die Stimmung in der gesamten Kanzlei oft spürbar und sehr schnell. Zusammenarbeit wird einfacher, Vertrauen wächst – und in der Konsequenz verbessert sich auch die wirtschaftliche Performance.

Manchmal ist es tatsächlich so einfach.

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